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Institutsgeschichte

Von den drei Universitätsinstituten (Graz, Innsbruck, Wien), die in Österreich Volkskunde als akademische Disziplin in Forschung und Lehre repräsentieren, ist das Wiener Institut das jüngste. 1961 wurde es unter Richard Wolfram (1901-1995, 1959 ao. Univ. Prof., 1963 o. Univ. Prof.) offiziell im 1. Stock des Hanuschhofes eingerichtet, wo im Wintersemester 1964/65 der Forschungs- und Lehrbetrieb aufgenommen worden ist. Eine frühere Institution, das 1939 ebenfalls unter Richard Wolfram gegründete "Institut für germanisch-deutsche Volkskunde", war im Jahre 1945 aufgelöst und sein Leiter von Dienst suspendiert worden. Volkskunde war so an der Wiener Universität knapp zwei Jahrzehnte ohne institutionellen Rückhalt und nur durch die Lehrtätigkeit einzelner Fachvertreter - vor allem durch den Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde Leopold Schmidt (1912-1981) - präsent.

Von der Gründung des Instituts bis zur Emeritierung Wolframs im Jahr 1972 lagen die Schwerpunkte in Lehre und Forschung - den Hauptinteressen des Institutsleiters folgend - thematisch auf der Brauch-, Glaubens- und Tanzforschung. Zudem hatte Wolfram, dem damals als erster (und bis 1971 einziger) Assistent Helmut P. Fielhauer (1937-1987; 1977 ao. Univ. Prof.) zu Seite stand, die Arbeitsstelle des unter seiner Leitung stehenden und von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geförderten "Österreichischen Volkskundeatlas" ans Institut geholt.

Nach der Emeritierung Wolframs und einer mehrjährigen Vakanz der Lehrkanzel (Interimsleitung durch Walter Hirschberg, ao. Univ. Prof. für Völkerkunde) verlagerte sich mit Károly Gaál (1975 o. Univ. Prof.) die inhaltliche Ausrichtung des Instituts, dem mit Edith Hörandner (seit 1968, 1985 Univ. Doz.) und Olaf Bockhorn (seit 1971, 1987 Univ. Doz.) zusätzliche wissenschaftliche Kräfte zu Verfügung standen, einer "vergleichenden Sach- und Sozialvolkskunde" (so die venia Gaáls 1970), die sich etwa in ortsmonographischen Forschungen oder in Geräteforschung und allgemein in der verstärkten Berücksichtigung wirtschaftshistorischer Faktoren dokumentierte.

Parallel dazu traten mit H. P. Fielhauer, der von 1980 bis zu seinem Tod 1987 dem Institut vorstand, gegenwarts- und alltagsorientierte Fragestellungen, wie sie sich im Gefolge der Verabschiedung volkskundlicher Kanonik nach Tübinger Vorbild und einer Umstrukturierung des Faches auch in Österreich verdankten.

Nach der Emeritierung Gaáls 1992 und einer zweijährigen Vakanz wurde 1994 Konrad Köstlin (zuvor Professor in Kiel, Regensburg und Tübingen) zum o. Univ. Prof. und Institutsvorstand in Wien ernannt. Mit ihm wurde in Wien eine Sichtweise des Faches als einer "Ethnologia Europaea" forciert, wie sie bereits seit 1975 offiziell als Zusatztitulatur des Instituts eingeführt ist und sich auf der Grundlage einer weiterentwickelten volkskundlichen Fachtradition als vergleichende Kulturwissenschaft in historischer und sozialer Dimension versteht.Unterstrichen wird dies durch die mit 1. Jänner 2000 erfolgte Umbenennung des Instituts in "Institut für Europäische Ethnologie".

Nach der Emeritierung Köstlins 2008 und einem Jahr Vakanz wurde die Universitätsprofessur  wieder besetzt: Seit 1.9.2009 ist Brigitta Schmidt-Lauber – zuletzt Professorin in Göttingen – als Universitätsprofessorin und Vorständin am Institut tätig.

Literatur:

Klaus Beitl (Hg.): Volkskunde. Institutionen in Österreich. Mit Beiträgen von Olaf Bockhorn, Franz Grieshofer, Herbert Nikitsch, Margot Schindler und einem Institutionenverzeichnis (= Veröffentlichungen des Österreichischen Museums für Volkskunde, Bd. 26). Wien 1992.


Olaf Bockhorn: Wiener Volkskunde 1938-1945. In: Helge Gerndt (Hg.): Volkskunde und Nationalsozialismus. Referate und Diskussionen einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. München 23. bis 25.Oktober 1986 (= Münchner Beiträge zur Volkskunde, Bd. 7). München 1987, S. 229-237.

Olaf Bockhorn: Zur Geschichte der Volkskunde an der Universität Wien. Von den Anfängen bis 1939. In: Albrecht Lehmann, Andreas Kuntz (Hg.): Sichtweisen der Volkskunde. Zur Geschichte und Forschungspraxis einer Disziplin. Gerhard Lutz zum 60. Geburtstag (= Lebensformen, Bd. 3). Berlin-Hamburg 1988, S. 63-83.

Olaf Bockhorn, Gertraud Liesenfeld (Hg.): Volkskunde in der Hanuschgasse. Forschung - Lehre - Praxis. 25 Jahre Institut für Volkskunde der Universität Wien (= Veröffentlichungen des Instituts für Volkskunde der Universität Wien, Bd. 13). Wien 1989.

Beiträge von Olaf Bockhorn, Gertraud Liesenfeld und Herbert Nikitsch in: Wolfgang Jacobeit, Hannjost Lixfeld und Olaf Bockhorn (Hg.): Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wien-Köln-Weimar 1994.

Institut für Europäische Ethnologie
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