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Europäische Ethnologie - was ist das?

 

Das sogenannte „Vielnamenfach“

Die Europäische Ethnologie ist ein Fach, das an deutschsprachigen Universitätsinstituten unter unterschiedlichen Namen firmiert. Manchen ist es noch unter dem Namen „Volkskunde“ gebräuchlich – ein Begriff, unter dem sich weiterhin mehrere Institutionen finden wie zum Beispiel das Österreichische Museum für Volkskunde oder die Zeitschrift für Volkskunde. Daneben haben sich aber längst andere Bezeichnungen etabliert wie „Europäische Ethnologie“ (Wien, Innsbruck, Berlin), „Kulturanthropologie“ (Graz), „Empirische Kulturwissenschaft“ (Tübingen) oder „Populäre Kulturen“ (Zürich) – Namen, die auch in Querstrichverbindungen wie „Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie“ (Göttingen) geführt werden. Die unterschiedlichen Namen deuten jeweils inhaltliche, begriffliche und methodisch-theoretische Veränderungen gegenüber der Ausgangsdisziplin Volkskunde an und gründen nicht selten in teils lokalen, hochschulpolitischen oder inhaltlichen Gründen der jeweiligen FachvertreterInnen.

Die Namensvielfalt mag für Außenstehende verwirrend sein, handelt es sich doch bei aller Unterschiedlichkeit um ein und dasselbe Fach und noch dazu um ein institutionell sowie oftmals von den Forschungsregionen, Curricula und Berufsfeldern her betrachtet anderes Fach als die frühere „Völkerkunde“, die sich verwirrender Weise auch öfters Kulturanthropologie bzw. Kultur- und Sozialanthropologie (Wien) oder nur Ethnologie nennt. Dass es sich um zwei unterschiedliche Ethnowissenschaften handelt, hat disziplinengeschichtliche und auch gesellschaftshistorische Gründe und ist ein Spezifikum in Kontinentaleuropa – speziell des deutschsprachigen Raumes. Es gibt seit den 1970er Jahren deutliche inhaltliche und perspektivische Annäherungen zwischen den Schwesterndisziplinen und viele theoretische und thematische Überlappungen, aber bis heute sind (vormals „außereuropäische“) Ethnologie/Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie institutionell an deutschsprachigen Universitäten zwei unterschiedliche Fächer.

Der Name „Volkskunde“ weckt bestimmte Vorstellungen, die der Disziplin heute nicht mehr entsprechen; er suggeriert die Zuständigkeit für bäuerliches Wohnen, Schaffen und Leben, für Bräuche oder Erscheinungen im Kirchen-, Jahres- und Lebenslauf wie Weihnachten und Hochzeit, Karneval und Krampus oder für Dirndl und Volksmusik. Gewiss haben VolkskundlerInnen sich diesbezüglich zu Wort gemeldet und stellen auch weiterhin Interpretationen ritueller Anlässe oder materieller Lebensumwelten bereit. Aber der Blickwinkel hat sich seit Etablierung des Faches erheblich gewandelt. Neben der Zuständigkeit für Trachten, Märchen und Bräuche sind längst andere, (post)moderne und urbane Themen getreten, zu denen wir arbeiten. So hat sich das Fach in den letzten 40 Jahren zunehmend zu einer gegenwartsorientierten, historisch argumentierenden empirischen Alltagskulturwissenschaft entwickelt.

 

Schüsselbegriffe: „Kultur“ und „Alltag“

Leitbegriffe stellen seit den 1970er Jahren „Kultur“ und „Alltag“ dar, die die Arbeitsweise und das Forschungsinteresse des Faches kennzeichnen. Zunehmend setzte sich damit ein Ansatz durch, der den dynamisch-prozessualen, stets unabgeschlossenen Charakter von Kultur betont und Gesellschaft als Ergebnis fortwährender Aushandlung versteht. Mit ihm kommt die gesellschaftliche Praxis aus der Perspektive ganz unterschiedlich handelnder und erfahrender Menschen in den Blick. So umfasst der Kulturbegriff der Europäischen Ethnologie Erfahrungswelten und Lebensweisen von Sandlern ebenso wie von Bankern; er bezieht sich auf Freizeitpraktiken ebenso wie auf Modalitäten des Arbeitens in der postfordistischen Gesellschaft, auf gesellschaftliche Trends (von der Wandervogel-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum aktuellen Urban Gardening) und auch die unterschiedlichsten Gepflogenheiten der Nahrungsaufnahme (von der Imbissbude zum TV-Kochen) oder die verschiedensten Kleidungsmoden fallen unter den breiten Kulturbegriff des Faches.

Eng verflochten mit dem Kulturbegriff und ebenfalls die disziplinäre Perspektive und Arbeitsweise anzeigend ist der Begriff „Alltag“. Auch hier geht es um einen weiten Alltagsbegriff, der die Routinen des gesellschaftlichen Lebens fokussiert. Damit steht der Alltag nicht etwa in Abgrenzung zum Festtag als etwas Herausgehobenem, Besonderem, sondern schließt wiederkehrende, routinisierte und normierte Abläufe wie etwa Silvester oder Weihnachten, aber auch individuelle Höhepunkte wie Hochzeiten oder den Führerscheinerwerb mit ihren zugehörigen Ritualen mit ein.

 

Themenfelder

Das Arbeitsprogramm der Europäischen Ethnologie ist mithin umfangreich, wobei das „Europäische“ im Namen nicht als räumliche Spezifizierung zu verstehen ist – etwa im Sinne der Area Studies und einer Zuständigkeit für jedwede Kulturen in europäischen Ländern von Nord nach Süd über West und Ost –, sondern im Sinne eines nicht räumlich zu fixierenden geteilten Erfahrungs- und Denkhorizonts. Ausgangspunkt der Europäischen Ethnologie sind lokale Alltagskulturen und Phänomene, die angesichts weiter, oft weltweiter Verflechtungen (Stichwort: Globalisierung) als in überlokale Zusammenhänge eingebunden verstanden und betrachtet werden. Das Fach begnügt sich nicht mit Einzelphänomenen an einem Ort – wiewohl es konkret hier forscht bzw. zu forschen beginnt –, sondern liest den Wiener Hausmeister oder das Bremer Fußballfieber, zypriotischen Käse oder polnische Au-Pair-Biographien, burgenländische Winzergenossenschaften oder Tiroler Skihelden als gesellschaftliche Phänomene in ihrer überlokalen Aussagekraft. Die lokale Verankerung bei überlokaler Einbindung ist also ein Kennzeichen der disziplinären Arbeitsweise. Die Mehrheit volkskundlich-ethnologischer Forschungen – und das ist bis dato nach wie vor ein Unterschied zur anderen Ethnologie resp. Kultur- und Sozialanthropologie, die sich eben auch und besonders für außereuropäische, sogenannte fremde Gesellschaften für zuständig erklärt – bündelt sich dabei im gesellschaftlichen Nahraum. Österreich und seine Nachbarn stellen die Mehrzahl der Untersuchungsfelder, wobei das gesellschaftliche Interesse am Fach hier stark und oft regional ausgeprägt ist.

Im Unterschied zu anderen Disziplinen arbeitet die Europäische Ethnologie so gut wie ausschließlich mikroanalytisch. Nicht „die Gesellschaft“ als Ganzes bildet den Untersuchungsgegenstand, sondern konkrete Ereignisse, Räume und Personen, deren Abläufe bzw. Handlungen und Erfahrungen es zu verstehen gilt und anhand derer gesellschaftliche Erscheinungen oder Milieus befragt werden. An ausgewählten Beispielen, an einzelnen Menschen, Situationen oder Orten werden gesellschaftliche Phänomene analysiert. Dies führt zu einer dichten und anschaulichen Darstellung des jeweiligen Themas. Dieser intensive Blick von innen, aus der Perspektive unterschiedlicher Akteure, sowie die Liebe zum Detail und deren subjektiven Bedeutungszuschreibungen erklären auch die heutige Dominanz qualitativer Methoden. Für die Kulturanalyse gegenwärtiger Erscheinungen sind – neben den auch historische Studien kennzeichnenden Diskurs-, Bild- und Objektanalysen – ethnographische Verfahren wie die Feldforschung (teilnehmende Beobachtung) oder qualitative, nicht standardisierte Interviewformen (biographisches, narratives oder offenes Interview) zu nennen. Als zugleich historisch arbeitende Disziplin kommt das intensive Quellenstudium nach historischen Methoden, die ebenfalls konkrete Ereignisse dicht und verstehend zu rekonstruieren wissen.

 

Studium und Berufsfelder

Das Studium der Europäischen Ethnologie dient in erster Linie der theoretischen und praktischen Befähigung zu kulturwissenschaftlichem Argumentieren und Forschen. Die Hochschulbildung zielt so weniger auf die Vorbereitung auf ein konkretes Berufsfeld, sondern auf die Erlangung genereller Kompetenzen in Fragen kultureller Vorgänge und entsprechender Wissensvermittlung – und damit auf die Fähigkeit, sich selbständig Arbeitsbereiche zu erschließen. Unter diesen Voraussetzungen sind die Berufsaussichten für AbsolventInnen der Europäischen Ethnologie günstig. Wesentlich für das erfolgreiche Umsetzen der im Studium erworbenen Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt sind Arbeitserfahrungen und Praktika in Einrichtungen der öffentlichen Kulturarbeit. Deshalb enthält der BA-Studienplan praxisorientierte Lehrveranstaltungen (darunter ein eigenes Modul „Berufsfelder“), in denen Einblicke insbesondere in folgende Berufsfelder vermittelt werden: kommunale und regionale Kultur- und Bildungsarbeit, die Ausstellungsarbeit, das Museum als Berufsfeld, Erwachsenenbildung, Forschung und Beratung zu Migration sowie Journalismus und Medienarbeit. Im Anschluss an das BA-Curriculum kann ein MA-Studium absolviert werden, in dem die bislang erworbenen Kompetenzen erweitert und forschungsorientiert –  in einem zweisemestrigen Studienprojekt – vertieft werden.

 

 

 

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