Europäische Ethnologie - Was ist das?

 

Perspektiven
Die Europäische Ethnologie befasst sich mit lokalen Alltagskulturen und sozialen Phänomenen, die in überlokale Zusammenhänge eingebunden sind. Flashmobs in Wien, Flüchtlinge auf Malta, zypriotischer Käse oder polnische Au-Pair-Biographien sind ebenso Untersuchungsgegenstand wie burgenländische Winzergenossenschaften, Linzer RapperInnen oder Tiroler SkiheldInnen. In ihnen allen werden übergeordnete soziale, kulturelle, politische oder wirtschaftliche Logiken, Praktiken, Funktionsweisen und Wirkungsprinzipien sichtbar.

Forschungs- und interessenleitende Begriffe des Faches sind „Kultur“ und „Alltag“. Kultur wird nicht als etwas Statisches oder Abgeschlossenes betrachtet, sondern vielmehr als dynamisch, prozessual, im stetigen Wandel begriffen. Die Europäische Ethnologie interessieren dabei die Praktiken und Deutungen ganz unterschiedlich handelnder und erfahrender Menschen. Kultur zielt folglich immer auf die Erfahrungswelten und Lebensweisen der jeweiligen Akteure, seien es Wohnungslose oder FinanzunternehmerInnen. Zudem ist das europäisch-ethnologische Verständnis von Kultur multidimensional: Es betrifft Freizeitpraktiken ebenso wie historische Lebens- und Arbeitswelten oder Arbeitsverhältnisse in der postfordistischen Gesellschaft, Kleidungsmoden oder verschiedene Ernährungsweisen, urbane Szenen, städtische Klangräume ebenso wie Fankulturen und Tier-Mensch-Beziehungen.

Das Arbeitsprogramm der Europäischen Ethnologie ist mithin umfangreich, wobei das „Europäische“ im Namen nicht als räumliche Spezifizierung zu verstehen ist – etwa im Sinne der Area Studies und einer Zuständigkeit für vermeintliche „Kulturen“, die auf einer europäischen Landkarte von Nord nach Süd über West und Ost platziert würden. „Europäisch“ im Sinn der Europäischen Ethnologie als einer empirischen Kulturwissenschaft zielt auf einen räumlich nicht zu fixierenden geteilten Erfahrungs-, Wahrnehmungs-, Denk- und Deutungshorizont. Das Gros europäisch-ethnologischer Forschungen akzentuiert den gesellschaftlichen Nahraum, bleibt aber hier nicht stehen, denn Migrationsbiographien oder Objekthistorien von Europa über den Atlantik und vice versa sind ebenso Gegenstand der Europäischen Ethnologie.

Die Europäische Ethnologie ist eine Disziplin, die an Universitäten im deutschsprachigen Raum viele Namen hat. Die alte Bezeichnung „Volkskunde“ haben andere Begriffe abgelöst, die das Profil und programmatische Anliegen des Faches treffender umschreiben:  Neben „Europäischer Ethnologie“ (Wien, Innsbruck, Berlin) sind dies „Kulturanthropologie“ (Graz), „Empirische Kulturwissenschaft“ (Tübingen) oder „Populäre Kulturen“ (Zürich) – Bezeichnungen, die auch in Querstrichverbindungen wie „Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie“ (Göttingen) geführt werden. Diese unterschiedlichen Benennungen deuten jeweils inhaltliche, begriffliche und methodisch-theoretische Veränderungen gegenüber der Ausgangsdisziplin Volkskunde an und beruhen auf teils lokalen, hochschulpolitischen oder inhaltlichen Gründen der jeweiligen FachvertreterInnen.


Methoden
Im Unterschied zu vielen anderen Disziplinen arbeitet die Europäische Ethnologie primär mikroanalytisch. Nicht die Gesellschaft als Ganzes bildet den Untersuchungsgegenstand, sondern konkrete Ereignisse, Räume und Personen, anhand derer gesellschaftliche Erscheinungen oder Milieus befragt werden. Die Analyse exemplarischer Felder geht mit einer dichten und anschaulichen Darstellung einher. Das Streben, der Perspektive unterschiedlicher Akteure nachzuspüren, sowie die Aufmerksamkeit für vermeintliche Nebensächlichkeiten fordern qualitative Methoden heraus. Für die Kulturanalyse gegenwärtiger Erscheinungen sind ethnographische Verfahren wie die Feldforschung (teilnehmende Beobachtung) oder qualitative, nicht standardisierte Interviewformen (biographisches, narratives oder offenes Interview) sowie Diskurs-, Bild- und Objektanalysen zu nennen. Zudem arbeitet die Europäische Ethnologie als historisch argumentierende Gegenwartsdisziplin mit historisch-archivalischen Methoden.
Vielnamenfach


Berufsfelder
Das Studium der Europäischen Ethnologie dient in erster Linie der theoretischen und praktischen Befähigung zu kulturwissenschaftlichem Argumentieren und Forschen. Die Hochschulbildung zielt auf die Erlangung genereller Kompetenzen in Fragen kultureller Vorgänge und entsprechender Wissensvermittlung – und damit auf die Fähigkeit, sich selbständig Arbeitsbereiche zu erschließen. Das Fach lässt sich dementsprechend mit vielen Fächern für eine Spezialisierung sinnvoll kombinieren (wie kulturwissenschaftliche Technikforschung, Stadtforschung oder Gesundheitsforschung). Wesentlich für das erfolgreiche Umsetzen der im Studium erworbenen Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt sind Arbeitserfahrungen und Praktika in Einrichtungen der öffentlichen Kulturarbeit. Deshalb enthält das Bachelor-Curriculum praxisorientierte Lehrveranstaltungen (darunter ein eigenes Modul „Berufsfelder“), in denen Einblicke insbesondere in folgende Anwendungsgebiete vermittelt werden: kommunale und regionale Kultur- und Bildungsarbeit, Ausstellungsarbeit und das Museum als Berufsfeld, Erwachsenenbildung, Forschung und Beratung zu Migration oder Stadtteilarbeit, Journalismus und Medienarbeit. Im Anschluss an das BA-Studium kann ein Master-Studium absolviert werden, in dem die bislang erworbenen Kompetenzen erweitert und forschungsorientiert –  in einem zweisemestrigen Studienprojekt – vertieft werden. Hier und in der Masterarbeit kann ein Thema erschlossen werden und somit bereits eine Spezialisierung in Hinblick auf die Berufstätigkeit erfolgen. Wer das akademische Arbeitsfeld anstrebt, kann ein Doktoratsstudium absolvieren.